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Text: Hans-Joachim Neupert (Perry)
Kohl- und Pinkelwanderung 2012
am 29. Januar bei frostigen -4°C

Kohltour 2012

Nigthmare in the sky

Es ist ein herrlicher Frühlingsnachmittag. Die Sonne hat mit ihren Strahlen die bodennahen Luftschichten so stark erwärmt, dass sich schon ab Mittag die ersten Kumuluswolken entwickeln konnten. Die Hauptwolkenuntergrenze liegt inzwischen weit über 2000 Meter.

Langsam wird mir doch kalt. Ein Blick auf meine Fliegeruhr bestätigt mir, dass ich nun schon über zwei Stunden im Cockpit des ASTIR sitze. Eigentlich hatte ich nur mit einer zehnminütigen Platzrunde gerechnet und bin deshalb nur mit einem T-Shirt und leichter Trainingshose bekleidet an den Start gegangen. Die thermischen Aufwinde haben mich aber spielerisch höher und höher in den klaren Frühlingshimmel getragen.

Der Höhenmesser zeigt jetzt 1800 Meter an und die Basis ist noch lange nicht erreicht. Mit einem Meter Steigen ziehe ich flache Kreise über dem großen Bullensee. Im Süden entdecke ich eine faszinierende Kumuluswolke. Ich beende das Kreisen, bewege die Trimmung und den Steuerknüppel leicht nach vorne und fliege mit 210 Km/St auf die viel versprechende Wolke zu. Rechts, weit unter mir, beobachte ich den Windenstart eines Gleitschirmfliegers.

In Windeseile habe ich mein Ziel erreicht und im Schatten der Wolke werde ich förmlich in den Sitz gepresst, so stark ist die Kraft des Aufwindes. Ich ziehe langsam die Fahrt weg und gehe in eine flache Kreisbahn. Das monotone Trillern des E-Vario wird plötzlich zu einem hochgezogenen Dauerton. Ich kurbele jetzt sehr viel steiler und nehme immer mehr die Fahrt weg bis der Fahrtmesser nur noch 80 Km/St anzeigt. „Kurbeln auf des Messers Schneide“ nennt man das. Ich spüre jetzt körperlich, dass ich mich im Zentrum des Bartes, im optimalen Steigen befinde.

Das Variometer zeigt 6, 7 ja sogar 8 Meter Steigen pro Sekunde an und auch die Nadel des Höhenmessers steht nicht mehr still. Schnell bin ich auf 2400 Meter geklettert. Die Sicht nach oben und zum Horizont geht langsam gegen „Null“, nur nach unten habe ich noch gute Sicht. Ich bin eigentlich voll drin im Nebel, aber die meisten  Schönwetterwolken sind wie ein Gewölbe geformt und bilden somit eine Kuppel. 2500 Meter müssten zu schaffen sein, beschließe ich gegen alle Vernunft. Zwei, drei Kreise noch und dann mit brass Fahrt raus aus dem Dreck.

Plötzlich taucht über mir, wie aus dem Nichts, höchstens 50 Meter entfernt, eine silberstrahlende riesige Flugscheibe auf. Vollkommen elektrisiert, fasst hypnotisch starren meine Augen auf das außergewöhnliche Fluggerät.

Den Durchmesser des Objektes schätze ich auf gut 30 Meter. Die seltsame Flugscheibe scheint vollkommen glatt, ohne jede Öffnung, Sichtfenster oder Antenne zu sein. Auch Antriebsaggregate oder Triebwerksteile sind nirgendwo sichtbar. Eine Art Energiefeld scheint das seltsame Flugobjekt zu umhüllen und erzeugt ein unnatürliches Leuchten.

Rücksturz zur Erde

Ein grell weißer Lichtstrahl schießt plötzlich aus dem seltsamen Objekt heraus direkt auf mein Flugzeug zu. Ein schrilles Klingeln zerreißt fast mein Trommelfell. Eine undefinierbare Kraft zerrt mich aus dem Flugzeug und schleudert mich ohne Zeitverlust in eine mir fremde Dimension.

Langsam gelingt es mir die Augen zu öffnen, ich bin immer noch geblendet und sehe nur Dunkelheit, das Klingeln hört nicht auf. Ich glaube, ich begreife so allmählich wo ich mich befinde. Ich drehe mich gemächlich zur Seite, greife nach meinem Kommunikator und aktiviere mühsam die Sprechverbindung. Meine Kollegin Tine kann leider nicht mitwandern. Sie bedauert das sehr, liegt aber mit Fieber im Bett. Sehr gerne wäre sie dabei gewesen.

Sonntag, 29. Januar 2012 kurz nach 8:00 Uhr

Ich höre die Glocken acht mal schlagen. Nun wird es aber Zeit, auch wenn ich nicht mehr am Bahnhof vorbei fahren muss, um Tine abzuholen. Nany wecken, Zähne putzen, rein in die Wanderschuhe. Ich hab noch ein wenig Zeit, mache noch schnell den Abwasch und dann los, Moni abholen. Als ich bei ihr klingele, schimpft sie mit mir, Ulli könnte ja wach werden, welch Katastrophe! Kaum zurück bemerkt Moni, dass sie ihre Handschuhe bei sich zu Hause auf der Treppe vergessen hat. Ohne Handschuhe bei dieser Kälte geht gar nicht, also noch einmal zurück, und leise, damit Ulli nicht doch noch aufwacht.

Bei uns zu Hause trinken wir noch eine Tasse Kaffee auf die Schnelle, noch eine Scheibe getoastetes Weißbrot als Unterlage und dann müssen wir auch sehen, dass wir loskommen. Warum müssen wir immer die letzten sein, frage ich mich. Was aber ist eigentlich Zeit? Selbst wenn der Zeiger steht, die Zeit vergeht!

Es geht los!!!!

Wir sind auf Kurs. Ungefähr 10 Km westlich unseres heimatlichen Fliegerhorstes befindet sich unser Treffpunkt, ein Firmengelände in dem kleinen Dörfchen Taaken. Das Thermometer unseres Bordcomputers zeigt uns eine Außentemperatur von – 4 Grad an. Außerdem schnieselt es kaum merklich. Die idealen Bedingungen für eine zünftige Kohltour.

„Just in time“ oder besser gesagt pünktlich wie immer stoßen wir zur Gruppe dazu. Kurze Begrüßung, Händeschütteln hier und da, möglichst keinen vergessen, und dann ganz plötzlich kommt Bewegung in den Schwarm.
Die Völkerwanderung hat begonnen und die Airliner halten auch schon das traditionelle Getränk der alten Germanen in ihren behandschuhten Händen, obwohl es dazu eigentlich viel zu kalt ist. Aber so sind die Jungens eben.

Ein kleines Schlückchen!

Schon nach kurzer Zeit, mir kommt es jedenfalls so vor, hält der Schwarm inne. Kleine Gläser werden aus ihren Verstecken in den Tiefen der Jackentasche hervorgeholt und mit desinfizierenden bunten Flüssigkeiten gefüllt.

Bald geht es weiter. „Zwieback“ wieselt heute wie ein Schäferhund um seine Herde herum. Immer auf der Suche nach einem tollen Motiv. Norbert freut sich schon auf die Bilder, möglichst noch vor Ostern.

Und noch ein Schlückchen!!!

Es geht weiter. Die Landschaft taigaartig, kaum Wald, aber teilweise schneebedeckt wird kaum wahrgenommen. Überall geselliges Klönen. Ich schaue mich um! Ich vermisse Christian von F. mit Familie. Und wo ist Adam??? Auch Sabinchen, meine sturmerprobte Walküre, sehe ich nirgendwo.
Später erfahre ich, sie sind zum Hexentreffen gefahren.

Wieder eine Pause. Udo schaut jetzt merklich immer öfter in seine geheimnisvolle Karte, die keiner sonst einsehen darf. Hoffentlich hat er das Kartenlesen nicht ganz verlernt, denke ich so still und leise bei mir.

Die Gläser werden noch einmal mit bunten Säften gefüllt, dann wird die Wanderung fortgesetzt.

Der Stadthäuptling übernimmt

An der Spitze der endlosen Armada sehe ich überrascht Nany mit ihrer unauffälligen rotorange leuchtenden Jacke. Ich schließe schnell auf. Erst jetzt bemerke ich, dass unser Stadthäuptling auch mit dabei ist. Kurze Begrüßung, wir schnacken ein paar Worte, dann übernimmt er die Führung. Wohl rein gewohnheitsmäßig.

Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, aber ich meinte wohl gehört zu haben, dass unser Stadthäuptling bald auch die Lufthoheit über seine geliebte Stadt an der Wümme anstrebt.

Halbzeit

Am Wegesrand wartet Wolfgang auf die Wanderer. Die Hälfte ist geschafft. Jetzt gibt es erst einmal eine ausgiebige Stärkung.

Es gibt Mettenden, Negerküsse, Süßigkeiten und vor allen Dingen gibt es heißen, lecker duftenden und die Sinne betörenden Glühwein.

Glühwein trinke ich normalerweise gar nicht, aber auf einer Kohltour im Winter; einfach vollmundig lecker!!! Sogar die Kinder dürfen Glühwein trinken, jedenfalls die, die schon alleine fliegen.

Die Zeit verstreicht schnell und schon bald setzt sich die Meute wieder in Bewegung. Die bunten Säfte sind Geschichte; die Vorräte sind aufgebraucht und die kleinen Gläschen verschwinden wieder in den Taschen.

Der lange Marsch aber geht weiter. So weit die Füße tragen.

Endlich am Ziel

Endlich werden am Horizont die ersten Anzeichen von Zivilisation sichtbar. Der Marsch durch die endlose Taiga nähert sich seinem Ende. Ich kann kaum noch gehen. Schleppe mich nur mühsam voran. Seit ungefähr 2 Kilometern habe ich einen Schaden am linken Fahrwerk, die Kontrollleuchte blinkt unentwegt in sattem Rot. Ich beiße die Zähne zusammen, die letzten paar hundert Meter werde ich wohl noch locker schaffen, denke ich so! Hoffentlich ist es keine Muskelzerrung.

Wir erreichen bald das erste Haus mit seltsamen römischen Säulen vor dem Eingangsportal, typischer amerikanischer Neokitsch. Kurze Zeit später sind wir am Ziel und ich erfahre so ganz nebenbei, dass sich unser Startpunkt nur etwa 2,8 Kilometer von hier entfernt befindet. Ich habe es schon fast geahnt, wir sind im Kreis gelaufen. 10 Kilometer für die Strecke Taaken–Reeßum, neuer Rekord?

Wir kehren in Seegers Gasthaus ein. Viele gehen zunächst mal zum Klo, wir hatten ja unterwegs keins dabei, und wie die Frauen das so lange aushalten wird mir ewig ein Rätsel bleiben.

Noch sind die meisten Plätze leer. Erst mal Quartier machen, das heißt einen Platz sichern, Jacke übern Stuhl gehängt, Schal um den Sitz daneben gewickelt. Nany ist nirgends zu sehen, sie weiß aber, dass ich ihr einen Platz freihalte.

Ich bestelle jetzt erst einmal ein Bier, ein großes natürlich, das habe ich mir verdient und dann ab zur Toilette, da ist der Andrang jetzt nicht mehr so gewaltig. Zurück am Tisch freue ich mich schon auf das leckere Essen, das in wenigen Minuten von fleißigen Kellnerinnen aufgetischt werden wird.

Kohl und Pinkel kennt nicht jeder!

Das Grünkohlessen ist ein alter Brauch in weiten Teilen Norddeutschlands. Er wird vor allem in Niedersachsen und Bremen, aber neuerdings auch in Hamburg und Schleswig-Holstein und sogar in einem kleinen Dörfchen in Frankreich gepflegt. Darauf stellen sich natürlich auch die hiesigen Gastronomen ein, die ihre Gäste mit speziellen und günstigen Angeboten locken.

Früher wurde der Grünkohl nach dem ersten Herbstfrost geerntet, dann sind nämlich die in ihm enthaltenen Bitterstoffe neutralisiert. Ende der Grünkohlsaison ist traditionell der Gründonnerstag vor Ostern. Heutzutage werden neuere Züchtungen verwendet, die ohne Frost, auch schon mal im August geerntet werden können.

Einem winterlichen Grünkohlessen geht natürlich immer eine Kohl- und Pinkeltour voraus, nur dann schmeckt der Kohl so richtig herzhaft lecker. Zu einem echten Grünkohl gehören auch Salzkartoffeln oder Bratkartoffeln, am besten beides, dann noch Speck, Kassler, Kochwurst, geräucherte Mettenden und unverzichtbar die würzige Pinkelwurst. Dazu trinkt der Norddeutsche ein gepflegtes Pils und nach dem Essen darf es dann ruhig mal ein Körnchen sein.

Deutsche Urgemütlichkeit!

Grünkohl und Pinkel soviel man möchte, dazu ein frisch Gezapftes und das im Kreis von netten Leuten. Was kann man mehr erwarten von einem kalten Sonntagnachmittag im Januar. Das ist echt germanische Urgemütlichkeit.

Im Rahmen dieser Veranstaltung werden wie jedes Jahr auch verdiente Mitglieder unseres Vereines für Luftsport für besondere Leistungen ausgezeichnet. Dieses Mal durften unsere Freunde, Bodo und Lothar, die immer vor Ort sind, für ihren unermüdlichen Einsatz einen Präsentkorb in Empfang nehmen.

Zum Nachtisch gibt es reichlich Vanilleeis mit heißen Sauerkirschen. Eine Köstlichkeit die auch einem bekannten Fußballmanager im XXXL Format vortrefflich gemundet hätte.

Es hat allen sehr gut geschmeckt, das traditionelle Grünkohlgericht. Man trinkt noch gemütlich ein Bier oder auch zwei, mit oder ohne Alkohol und es wird viel geschnackt und geklönt.

Kohltour die Zweite!

Alles hat einmal ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Die Zeiger der Uhr bewegen sich jetzt langsam auf halb vier zu und der Saal lichtet sich langsam aber sicher. Die meisten lassen sich zu ihrem Auto fahren, nur meine Leute wollen die 2,8 Km „per pedes“ zurücklegen.

Schnell habe ich meine Jacke gegriffen, zahle die Zeche und will unbedingt beim Marsch zum Auto dabei sein. Nach nur zehn Metern gebe ich auf. Es geht einfach nicht. Traurig bleibe ich allein zurück und warte einsam aber geduldig in der sibirischen Kälte auf mein Taxi.

Nach Hause

Ich habe schon fast nicht mehr daran geglaubt, aber dann taucht der silberne Flitzer mit Nany am Steuer und Moni auf dem Beifahrersitz am Horizont auf. Im warmen Auto taue ich langsam wieder auf. Wir fahren zu uns nach Hause und wollen uns noch gemütlich eine Tasse Tee gönnen.

Es wird schon dunkel, als wir unsere Burg erreichen. Wir packen noch schnell die Mitbringsel aus Frankreich aus dem Auto, denn der Frost wird merklich schärfer und auch Wein- und Bierflaschen können einfrieren und platzen.

Zurück nach Dreamland

Ich werde langsam müde. „Perry“, flüstert Nany, „das war heute aber ein besonders schöner Tag, ich bin fast die ganze Strecke an der Spitze der Kolonne marschiert. Der Tag hat mir so richtig gut getan. Ich freue mich schon auf das nächste Jahr“.

„Ja, war schon ein tolles Unternehmen“! antworte ich. „Im nächsten Jahr sind wir natürlich wieder dabei. Den Winter hatte ich eigentlich schon längst ausgebucht. Innerlich bin ich schon auf die nächste Flugsaison eingestellt“. Ich schenke uns noch einen kleinen Schlaftrunk ein und dann ab in die Heia, in der Hoffnung auf eine Fortsetzung meines doch so plastischen Traumes.

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VfL-Rotenburg (Wümme) e.V.
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aktualisiert am 28.10.2012