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Text: Hans-Joachim Neupert (Perry)
Kohl- und Pinkelwanderung 2013
am 17. Februar bei Temperaturen um den Gefrierpunkt

Kohltour 2013

Sonntag, 17. Februar 2013,

Sonnenaufgang 7:32 Uhr – Sonnenuntergang 17:40 Uhr

Es geht auf Vollmond zu; noch zweimal, dann ist Ostern. Die Tage werden jetzt spürbar länger und auch das Aufstehen am frühen Morgen fällt mir schon wesentlich leichter. Der Frühling kommt langsam näher. Ich bin früh aufgewacht an diesem Sonntagmorgen und kann mir noch ein paar Momente in der Grauzone zwischen Wachen und Schlafen gönnen. In meiner Vorstellung spüre ich deutlich die Frühlingsluft, die kühl und klar mein Gesicht streichelt, so als würde mich die erwachende Natur auf ihre Art und Weise begrüßen. Zwischen dem Grün der unendlichen Grasfläche des Flugplatzes wird das erste Gelb sichtbar. Bald werden für kurze Zeit die Butterblumen unseren Start- und Landeplatz farbenprächtig gestalten.

Hoch oben, weit und fern, in der klaren Vormittagsluft, im hellen blauen Himmel ziehen, wie überdimensionale Riesenvögel, ein paar Segelflieger ihre Bahn. Wie gewaltige Raubvögel kreisen die Segler hoch in den Lüften. Ihre geschwungenen Tragflächen glänzen in der Sonne und schimmern. Die Segelflieger suchen den Kampf. Sie wollen die Kräfte der Natur mit ihren weißen, feingliedrig geflügelten Vögeln unter ihren Willen bringen. Nur auf sich allein gestellt, wollen sie sich da droben unter dem Himmel ohne Grenzen herumtummeln. Immer höher hinauf schrauben sich die schnittigen Segler, weit über das Land, bis unter die Wolken.

Aber noch ist es nicht so weit. 26 Tage bis zum Anfliegen, etwa 4 Wochen, vielleicht sogar etwas länger wird es wohl noch dauern, bis die Flugsaison so richtig beginnt. Heute ist ja erst der 17. Februar. Ein historisches Datum. In Sechzig Jahren Fernsehgeschichte ist nur ein einziges Mal um 20:00 Uhr die Tagesschau ausgefallen. Das war am 17.02.1962. Vor genau 51 Jahren tobte über Norddeutschland eine der schwersten Sturmfluten aller Zeiten, durchbrach die Dämme und überflutete große Teile von Hamburg. Nur dem unkonventionellen Eingreifen des damaligen Bürgermeisters Helmut Schmidt ist es zu verdanken, dass die Bundeswehr den Flutopfern schnell zu Hilfe eilen konnte. Nachmittags gab es noch eine Notausgabe der Tagesschau. Dann fiel in Hamburg der Strom aus und damit auch die Tagesschau.
 
***

„Möchtest Du Rührei mit Schnittlauch oder Spiegeleier mit hauchzartem, knusprig gebratenem Schinken zum Frühstück?“
Ich vernehme diese Worte wie aus weiter Ferne. Ich öffne meine Augen und vor mir steht Nany.
„Möchtest Du im Bett frühstücken“, fragt sie mich liebevoll.
Langsam finde ich mich in der Realität wieder.
„Ich möchte heute zum Frühstück zwei Spiegeleier mit knusprigem Schinken auf Toast, eine Tasse Kaffee und ein Glas Orangina. Ich glaube, wir frühstücken heute mal ausnahmsweise nicht im Bett, sondern im Esszimmer. Du weißt ja, dass Thomas und Luisella bald eintreffen“, antworte ich.

Während Nany das Frühstück vorbereitet, springe ich schnell ins Badezimmer, dann helfe ich ihr beim Tischdecken. Gemeinsam trinken wir noch eine Tasse Kaffee, dann fährt auch schon ein Wagen mit Hamburger Nummer auf unseren Hof. Wir begrüßen herzlich unsere Freunde aus Boberg und trinken noch gemeinsam eine zweite Tasse Kaffee zusammen. Nun sind wir so richtig wach.

Die Zeiger der Uhr gehen auf 9:15 Uhr. Nun ist Eile geboten. Wir müssen ja auch noch Monika abholen. Pünktlich wie die Maurer erreichen wir den Treffpunkt in Brockel am Netto-Markt. Ich dachte im ersten Moment, wir sind schon wieder die letzten, alte Tradition. Herzlich begrüßen wir die Anwesenden. Norbert macht bereits erste Fotos, von Zwieback weit und breit keine Spur. Gewöhnlich wieselt er doch auch ständig mit seiner Kamera hin und her, macht Fotos, die dann in seinem Geheimarchiv verschwinden, vielleicht angedacht als Nachlass für spätere Generationen.

Es herrscht hoher Luftdruck, die Atmosphäre aber ist sehr feucht. Vielleicht 3° Celsius, das richtige Wetter für eine Wanderung, wenn man gut gekleidet ist... Zum Glück regnet es heute nicht, der Nebel ist zurück nach Avalon, und etwas Schnee liegt ja auch noch auf den Feldern. Ein schöner Sonntag erwartet uns.

Udo mit Elbsegler schaut nervös auf eine Liste in seinen Händen, hakt ab, schaut sich suchend um. „Seltsam“, denke ich, „sehr seltsam, es ist schon Viertel vor Zehn und die Karawane ist immer noch nicht in Bewegung“. Dann höre ich aus irgend einer Ecke: “Die Lufthansa hat Verspätung, die Maschine ist aber gerade gelandet“!

9:50 Uhr. Plötzlich geht es los, ohne jede Vorwarnung. Keiner weiß wo es hingeht, aber es funktioniert, wie ein Schwarm Fische in der unendlichen Weite des Ozeans.

Die winterliche Kohlwanderung ist bei den Rotenburger Segelfliegern seit 35 Jahren eine überaus beliebte Traditionsveranstaltung mit Kultcharakter. Die erste Kohlwanderung fand im Jahre 1979 statt und es ging nach Wensebrock, zur Gaststube Waidmannsruh. Die Tour erstreckt sich über mindestens 10 Kilometer, übrigens bei jedem Wetter und nur Udo und Bodo kennen das Ziel, zumindest so ungefähr. Nur ein einziges Mal wurde ein Restaurant zweimal angelaufen. Die Gründe hierfür kennt heute keiner mehr, aber die Organisatoren haben mir zugesichert, dass so etwas nicht noch einmal passieren wird, und sei das Essen auch noch so lecker.

Während des langen Marsches zum heiß ersehnten Grünkohl wird viel geklöönt, geschnackt und erzählt. Hinter mir wird über den Eurorettungsschirm diskutiert. Einer sagt, “Es hat schon erste Erfolge gegeben. In Griechenland bekommen die Verstorbenen keine Rente mehr“. Grölendes Gelächter erschallt, zumeist aber wird über die Fliegerei und über Flugzeuge geredet.

Nach 30 Minuten der erste Stopp. Die Flaschen mit den bunten Säften, die den Geist anregen, werden geöffnet. Kleine Gläser werden gefüllt. „Prost“, „Kopf in Nacken und wech damit“, höre ich hinter mir jemanden sagen und handele entsprechend. Noch einmal wird das Gläschen gefüllt, dann geht es mit schnellen Schritten weiter dem Kohl entgegen.

Es geht auf 11:00 Uhr zu, die Hälfte der Strecke ist wohl schon geschafft, da sehe ich am Horizont ein Auto stehen. „Da hinten ist die Station!“, rufe ich voller Vorfreude den Umstehenden zu. Unsere Schritte beschleunigen sich und wenige Minuten später begrüßt uns Anja freudestrahlend und mit erlesenen Köstlichkeiten im Gepäck. Ich bin nun wirklich kein Freund von Glühwein, aber an diesem Sonntagmorgen habe ich meinen Becher dreimal randvoll gefüllt, so lecker war der Saft. Die kleinen salamiartigen Würste kamen passend zum Wetter, und zwischendurch immer mal einen kleinen Negerkuss. Na ja, Salami mit Negerkuss und Glühwein ist wohl auch nicht jedermanns Sache, mir aber hat es köstlich gemundet. Der richtige Vorhappen zum Grünkohl.
Anja, das hast Du toll gemacht. Vielen, vielen lieben Dank!

Mittendrin sehe ich auch die jungen Airliner, die immer wieder bunte Flüssigkeiten in ihre viel zu kleinen Gläser füllen.
Jungs! Ein Tipp von mir: Im nächsten Jahr solltet ihr euch ein bayerisches Bierglas um den Hals hängen!

Dann fragt mich plötzlich einer von den ganz jungen Piloten: “Du Perry, wer war eigentlich der erste?“
„Meinst du Adam aus der Bibel?, antworte ich spontan. „Aber Eva war seine zweite Frau, seine erste hieß Lilith!“.
„Nein, ich meine natürlich den ersten Flieger“, antwortet Leon.
„Ja“, sage ich, „wer war eigentlich der allererste? Ikarus vielleicht oder Leonardo da Vinci. Der Florentiner war zwar nicht der erste Flieger, doch er ging als erster wissenschaftlich an die Sache heran. Er wollte Schwingenflieger bauen. Große Flügel, wie die der Raubvögel oder Fledermäuse sollte man sich an die Arme schnallen und dann auf- und niederschlagen. Leonardo zeichnete und rechnete, zum Fliegen aber ist er nie gekommen.“

 

„Wer war denn nun der erste Flieger“, fragt Leon jetzt wissbegierig und dann kommt auch noch Gerd, der Holzfäller dazu, will sein Wissen erweitern. „Kennst du den Baron Freiherr von Münchhausen und den Schneider von Ulm?“, frage ich amüsiert. Um mich herum bricht dröhnendes Gelächter aus.
„Also gut“, sage ich schnell, „In der Schule lernt ihr scheinbar nicht viel!
Ein Franzose, Clement Ader war sein Name, ist im Jahre 1897 mit der ersten manntragenden Maschine ganze 60 Meter weit, dicht über den Boden geflogen. Aber die eigentliche Fliegerei hat erst mit Otto Lilienthal begonnen.“

„Otto Lilienthal war Ingenieur, Theaterbesitzer, Dramatiker und Flieger“, fahre ich mit meinem Vortrag fort. „Er ging systematisch vor und erforschte zunächst den Vogelflug. Otto der „Erste“ baute sich Hängegleiter aus Weidenholz mit Stoff bespannt. Er wusste schon, dass es auf die Form der Tragflächen, auf die mehr oder weniger starke Wölbung ankam. Gelenkt wurden diese Drachen durch Verlegung des Schwerpunktes; durch die Bewegung des Körpers also. In Lichterfelde bei Berlin hatte Lilienthal einen kleinen Hügel künstlich vergrößert. Von dort vollführte er seine Sprünge gegen den Wind“.
„Nun weiß ich bescheid und ich glaube, ich habe heute mehr gelernt als an so manchem Tag in der Schule“, höre ich den jungen Mann sagen und auch Gerd nickt zustimmend.
Ich freue mich immer, wenn ich den jungen Leuten mit meinem Wissen behilflich sein kann.

Die Erfrischungspause bei Anja hat länger gedauert als geplant, aber alles hat einmal ein Ende. Zügig mit sehr schnellen Schritten geht es weiter, immer weiter, dann ein letztes Mal eine kleine Sammelpause. Bis der Pulk wieder vereint ist, werden schnell noch die kleinen Gläschen gefüllt.

Kohltouren erfreuen sich übrigens bereits seit Jahrhunderten großer Beliebtheit. Die Wurzeln dieser in der norddeutschen Tiefebene gepflegten Tradition liegen im 19.Jahrhundert. Wohlhabende Kaufleute aus dem Oldenburger- und Bremer Stadtgebiet fuhren im Winter, bei Eis und Schnee, mit ihren prächtigen Pferdegespannen in die umliegenden Dörfer, um in gemütlichen Landgasthäusern leckeren Grünkohl zu genießen. Nach dem Verzehr wurden außerdem in reichlichen Mengen geistige Getränke gereicht, von denen man sich schon in der napoleonischen Zeit medizinische Wirkung versprach.

Heute reicht der Kohlfahrtäquator von Ostfriesland über Oldenburg, Bremen bis nach Hamburg. Eine starke Konkurrenz für die Weißwurst. Ganze Felder werden im Nordwesten Deutschlands mit Grünkohl bepflanzt. Wo er so üppig wächst, wird er auch am liebsten verzehrt. „Fein Ollnburger Gröönkohl äten!“, sagen sie im Oldenburger Land, einer der Hochburgen der Grünkohlfahrten. Landläufig wird Grünkohl als Niedersachsen–Palme bezeichnet und gilt als die vitamin- und eiweißreichste Kohlsorte. Er enthält sehr viel Vitamin C und A, außerdem Kalium, Vitamin B6, Kalzium, Folsäure, Eisen, Vitamin B1 und Zink. Die Pflanze stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum, wird heute aber vorwiegend in Nord- und Nordwestdeutschland angebaut. Sie gilt als anspruchslose Kohlart und gedeiht auf allen Böden mit guter Struktur und Wasserversorgung.

Eigentlich sind es aber die Beigaben, die den kalorienarmen Kohl, „die Palme des Nordens“, zu einer Delikatesse machen. Zusammen mit dem vitaminreichen Grünkohl (lat.: Brassica oleracea) werden immer auch Kartoffeln, Kochmettwurst, Bauchfleisch, Kassler und natürlich Pinkel serviert.
Der oder die Pinkel, bei der Anrede gehen die Meinungen auseinander, nicht aber beim Geschmack, ist eine sehr leckere Wurstspezialität aus Hafergrütze und einer gut gehüteten Gewürzmischung.

Jede Menge Wissen rund um das traditionsreiche Wundergemüse vermittelt die Oldenburger Grünkohl-Akademie (www.kohltourhauptstadt.de und www.gruenkohl-akademie.de). Bereits 2011 absolvierten über 6.000 wissenshungrige Studierende den virtuellen Studiengang. 400 davon beendeten das weltweit einmalige Grünkohldiplom mit „Summa kohl laude“.

Wir sind spät dran, es ist jetzt genau 13:00 Uhr. Am Horizont tauchen die ersten Häuser auf, wir erreichen das Ortsschild und stellen fest: Das Dorfgemeinschaftshaus in Ostervesede ist wohl unser Ziel. Die 10,71 Kilometer haben mir heute überhaupt nichts ausgemacht. Ich könnte noch locker ein paar Kilometer marschieren, bin gut im Training. Aber zunächst einmal erwartet uns der leckere Grünkohl.

Die Freude ist bei allen groß, als wir endlich die gut geheizte Gaststube erreichen. Jacke aus und erst einmal die Toilette aufgesucht. In der Gaststube riecht es schon köstlich nach dampfendem Grünkohl und bald werden auch die ersten Fleischplatten auf den Tischen verteilt. Die Portionsgrößen, die ein jeder verzehrt, sind gigantisch. Ein frisch gezapftes Bier dazu, einfach herrlich. Nur Fliegen ist schöner!

Natürlich findet auch wieder eine Ehrung verdienter Vereinsmitglieder statt. Neben der eigentlichen Fliegerei sind auch eine Menge Wartungsarbeiten erforderlich und selbstverständlich muss auch der Fliegerhorst gepflegt werden, das heißt, das Gras muss gemäht werden. Man glaubt ja gar nicht wie viele Treckerstunden im Laufe des Jahres für diese Aufgabe anfallen:

Auf Platz 4 liegt Rüdiger R. mit 16 Stunden.
Platz 3 belegen Gerd M. und Lothar H. mit jeweils 30 Stunden.
Platz 2 belegt Heiner S. mit 39 Treckerfahrstunden.

Platz 1 :
Mit 46 Stunden, das sind fast 2 Tage und Nächte ununterbrochen auf
dem Treckersitz, belegt Udo A. den Spitzenpreis und bekommt einen
Modelltrecker auf Sockel verliehen.

Udo und auch Vera haben sich sehr über den kleinen Trecker gefreut.

Herzlichen Glückwunsch Udo!!!


Euch allen gehört unser Dank für die geleistete Arbeit. Eigentlich seid Ihr alle 5 die Sieger.
Vielen Dank für Euer Engagement!

Langsam geht es auf Halb Vier zu und die meisten der Kohlwanderer machen sich nun auf die Heimreise. Auch wir verabschieden uns von den noch Anwesenden und machen uns auf den Heimweg.

Wir sitzen anschließend noch bei uns zu Hause, gemütlich bei Tee und Kaffee zusammen, schnacken über dies und jenes und sind uns alle in einem Punkt einig. Wir haben einen wunderschönen Sonntag zusammen verbracht.

Unser Dank gilt besonders den Organisatoren Bodo und Udo.
Vielen Dank!

Bitte denkt neben der Fliegerei auch an die nächsten kulinarischen Highlights:

Traditionelles Stintessen am 2. März in Grubes Fischerhütte!

Köstliches Spargelbüfett vom Feinsten am Freitag, 24. Mai um 19:00 Uhr in Unterstedt!

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VfL-Rotenburg (Wümme) e.V.
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aktualisiert am 13.12.2013