Veranstaltungen
Seite ausdrucken
Text: Hans-Joachim Neupert (Perry)
KOHLWANDERUNG 2016
Sonntag, 24. Januar 2016 - KW 3
Sonnenaufgang: 08:16 Uhr Sonnenuntergang: 16:52 Uhr
4 Grad Celsius – bewölkt, aber trocken – die Sichel ist kreisrund – Es ist Vollmond

Es ist 09:10 Uhr, schnell noch eine Tasse Kaffee trinken, und schon klopft Jeff, unser Fahrer, an die Tür. Regenschirm und Handschuhe lassen wir zu Hause. Vor zwei Tagen erinnerte die Landschaft in Norddeutschland noch an „Narnia“ Teil 1 und mit -9° Celsius war es schon echt kalt. Kurzfristig hat es einen Klimawandel gegeben. Der Winter macht nun erst einmal eine kleine Pause.

Pünktlich auf die Sekunde erreichen wir den Treffpunkt in Hamersen, den Gasthof „ZUR ALTEN LINDE“. Wie immer begrüßen wir die Kameraden und Freunde mit Handschlag, wie es sich gehört. Auch Thomas und Luisella aus Hamburg haben uns schon sehnsüchtig erwartet und dann ist da noch unübersehbar eine rheinische Frohnatur und wahrhaft ein Riese von 198 cm Länge mit einer Masse vom 151Kg. Wie üblich drückt er mich liebevoll an sein Herz, so dass mir kurzzeitig die Luft wegbleibt. Schon vor Monaten hatte Norbert seinen Freund Uli aus Herne zur Kohlwanderung eingeladen. Diese Tradition war ihm bisher unbekannt und darauf hat er sich besonders gefreut, denn Essen und Trinken sind seine ganz großen Leidenschaften.

Plötzlich und ohne hörbares Kommando setzt sich der Schwarm aus über 50 Wanderern in Richtung Norden in Bewegung. Schon bald überqueren wir die Hauptstraße und ändern den Kurs auf genau 90°. Wir sind keine 10 Minuten unterwegs, da ist auch schon der erste Halt. Die kleinen Gläser werden fix hervorgeholt und mit bunten Säften gefüllt. Die „Airliner“ sind wie immer besonders gut gelaunt und an diesem Tag „very british“, sie trinken Whisky. Schnell geht es wieder weiter, aber die kleinen Gläschen werden noch des Öfteren mit den verschiedensten Flüssigkeiten gefüllt, so dass sich auch die Seele immer mehr erhellt.

Bald schon haben wir die Ortschaft Appel erreicht, aber noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft. Dann aber taucht vor uns ein bekanntes Fahrzeug auf, angefüllt mit Leckereien und heißen Getränken, die „Station“. Sogleich greife ich mir, wie viele Fliegerkameraden, einen Becher und fülle ihn mit leckerem Glühwein, denn aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre wissen ja die Teilnehmer dieser Expedition, Anjas Glühwein ist einfach spitze.

Ich bin noch mit ein paar Mettenden beschäftigt, fahre aber zwischendurch ruhig auch schon mal einen schwarzen Negerkuss ein (eine echt leckere Mischung), als Leon auf mich zukommt und nach typischen Begriffen aus der alten deutschen Fliegersprache fragt. Heute wird ja in der Fliegerei fast nur noch „englisch“ gesprochen, aber ich kenne natürlich hunderte von Begriffen, die den jungen Spunden völlig unbekannt sind.

„Lieber Leon, selbstverständlich kann ich Dir weiterhelfen und einige Begriffe verdeutlichen. Da gibt es zunächst einmal den Brummer oder dickes Auto. Damit ist ein großes mehrmotoriges Flugzeug gemeint. Das Gegenteil davon ist die Filzlaus“.

Zwischendurch fülle ich meinen Becher noch einmal mit leckerem Glühwein, den auch schon die alten Griechen kannten, und will meinen Vortrag fortsetzen, als sich plötzlich auch Gerd zu uns gesellt. Er hat sich in letzter Zeit mehr mit der Hundesprache beschäftigt, will aber immer was dazu lernen, und er weiß auch, bei Perry ist er an der Quelle. Gerd ist eben ein guter Schüler und fabelhafter Segelfliegerkamerad.

Ich setze also meinen Vortrag fort und die Zahl der Zuhörer steigt langsam an.
Affenfahrt ist der Ausdruck für hohe Geschwindigkeit und die Steigerungsform heißt Braßfahrt. In den Bach fallen oder Baden gehen bedeutet Notwasserung eines Fliegers. Das ist vor etwa 20 Jahren sogar einem Vereinsmitglied widerfahren und unser schöner Motorsegler versank in den Fluten der Nordsee. Aber dafür hatte unser Verein, wenn man so will, eine kostenlose Werbung auf der Titelseite der BILD–Zeitung. Ach ja, und dann gibt es noch die Bezeichnung Bodenakrobatik für waghalsiges Fliegen oder auch Kunstflug in Bodennähe. Eine Fahne ist in der Umgangssprache ein gebräuchlicher Ausdruck für eine weit sichtbare Rauchentwicklung eines defekten Motors. Sie kann aber auch durch Ausfließen von Treibstoff während des Fluges entstehen“. Völlig unerwartet setzt sich plötzlich die Meute wieder in Bewegung und ich muss gezwungenermaßen meinen Vortrag abbrechen. Trotzdem sind Leon und Gerd mehr als zufrieden und bedanken sich höflich für meine Erklärungen.

Mit schnellen Schritten geht es voran. Die bunten Flüssigkeiten fließen immer seltener, denn die kulinarischen Delikatessen erwarten uns schon ungeduldig. Plötzlich wird mir ganz mulmig zumute. Am Horizont tauchen dunkle Wolken auf. Die Mächte der Finsternis sind allgegenwärtig und verfolgen ihre Ziele, die einem normal Sterblichen zunächst verborgen bleiben. Mit Erschrecken muss ich an Deutschland denken, dass sich langsam aber sicher abschafft, wie es ja ein Politiker in mittlerweile zwei Büchern bereits vorher gesagt hat! Man denke nur an die behördlichen Einschränkungen bei der Bullensee-Maitour und zu den Ordnungsauflagen für Osterfeuer. Uralte und gewachsene Traditionen sind in Gefahr und sollen einer neuen Ordnung weichen. Das darf nicht sein!!! Auch Grünkohltouren sollen neu reglementiert werden. Udo versucht meine Bedenken zu zerstreuen. „Gehen wir doch jedes Jahr einem anderen Ziel entgegen. Nehmen wir doch immer einen anderen Weg“. „Gut“, antworte ich, „wenn die Herrscher und ihre Lakaien uns mündige Bürger aber unbedingt bevormunden und drangsalieren wollen, dann starten wir eben die „Operation Eichhörnchen“! Udo schaut mich staunend an. „Dann verbuddeln wir die Spritflaschen bereits ein paar Wochen vor der geplanten Tour an exakt definierten Haltepunkten, natürlich in ausreichender Menge, mehr als wir benötigen. Wir dürfen uns keiner Diktatur unterwerfen“!
Das Ziel ist fast erreicht, der Gasthof in Sicht. Mit meinen Vermutungen liege ich richtig. Wir sind exakt 9,6 Kilometer im Kreise gewandert. Plötzlich habe ich das Gefühl, den geliebten Grünkohl, das wertvolle Wintergemüse mit seinen vielen Vitaminen bereits riechen zu können.

Grünkohl wird liebevoll auch als „Oldenburger Palme“ bezeichnet. In anderen Regionen heißt er schlicht und einfach Braun-, Pflück-, Kraus-, oder Winterkohl. Die um Bremen herum übliche Bezeichnung „Braunkohl“ ist auf früher angebaute Sorten zurückzuführen, die sich während des Kochens bräunlich verfärbten. Grünkohl ist zwar der Hauptdarsteller auf dem Teller, doch dazu gehört als Wurst unbedingt die sogenannte „Pinkel“. Pinkel ist eine geräucherte, grobkörnige Grützwurst, die aus den Zutaten: Schweinefleisch, Speck, Salz, Zwiebeln, Gewürze und ganz viel Hafer- oder Gerstengrütze besteht. Das genaue Rezept allerdings bleibt immer ein großes Geheimnis, das jeder Fleischer wie seinen Augapfel hütet.

Kaum haben wir an den langen Tischen Platz genommen, da nehmen die netten Kellnerinnen auch schon unsere Getränkewünsche entgegen. Nany und Perry bestellen natürlich, wie es sich zum leckeren Grünkohlgericht gehört ein helles Pilz, ein Großes natürlich. Nur Uli will sich den norddeutschen Traditionen nicht vollkommen unterwerfen, will nicht hören und auch Udo überrascht mich mit seinem Getränkewunsch. Die beiden Wanderer ordern doch tatsächlich ein „Köstritzer Schwarzbier“, sehr ungewöhnlich in dieser Gegend. Es dauert nicht mehr lange, dann werden auch schon die Platten mit Grünkohl, Fleisch, Wurst und Kartoffeln serviert und bald hört man nur noch ein gemeinsames Schmatzen. Das Essen ist einfach ein göttlicher Genuss.

Grünkohl, ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet, hat einen extrem hohen Vitamin C- und ß-Carotin-Gehalt. Nur in den Möhren ist noch mehr ß-Carotin enthalten. Roher Grünkohl enthält bei gleicher Menge doppelt so viel Vitamin C wie eine rohe geschälte Zitrone. Leider ist das Vitamin C auch die Mimose unter den Vitaminen. Warme Lagerung und langes Garen lassen die Gehalte drastisch purzeln. Bei den Mineralstoffen sind die Calcium- und Eisengehalte beachtenswert. Ein weiteres Plus ist der hohe Ballaststoffanteil. Er bringt die Verdauung in Schwung. Neuere Forschungsergebnisse lassen immer deutlicher werden, dass eine ganze Reihe von sekundären Pflanzenstoffen im Grünkohl gesundheitsfördernde Effekte hervorrufen und sogar zur Verminderung des Krebsrisikos beitragen. Damit allerdings möglichst wenig von den Inhaltsstoffen beim Garen verloren geht, sollte man den Grünkohl am besten nur dämpfen oder dünsten. Auf jeden Fall sollte er noch „Biss“ haben. Unter diesen Bedingungen darf es dann auch mal ruhig zwei oder dreimal Nachschlag geben.

Das Essen ist hervorragend gewesen und hat allen 66 Teilnehmern dieser Wanderung köstlich geschmeckt. Besonders die Pinkelwurst ist ein Hochgenuss. Auch die Stimmung ist gut und wird mit jedem Bier besser. Man schnackt hier, man schnackt da und merkt gar nicht wie die Zeit vergeht. So gegen 15:30 Uhr fahren die meisten nach Hause oder werden abgeholt. Thomas, Luisella und auch Uli wollen im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein.

Langsam wird es dunkel. Ein schöner Tag neigt sich seinem Ende entgegen!

Lieber Bodo, lieber Udo, vielen Dank für die hervorragende Organisation. Seit nunmehr 38 Jahren habt ihr beide die Sache perfekt im Griff.

Denkt bitte alle auch an das nächste kulinarische Großereignis. Da kommt was auf Euch zu!!! Es wird übernatürlich lecker. Am Freitag den 20. Mai findet um 19:00 Uhr im Restaurant Waldhof in Unterstedt das 4. Traditionelle SPARGELESSEN statt.

Veranstaltungen
Seite ausdrucken
VfL-Rotenburg (Wümme) e.V.
Copyright © Norbert Neupert Alle Rechte vorbehalten.
aktualisiert am 18.02.2017