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Text: Hans-Joachim Neupert (Perry)
KOHLWANDERUNG 2017
Sonntag, 05. Februar 2017 - KW 5
Sonnenaufgang: 07:56 Uhr Sonnenuntergang: 17:17 Uhr
3 Grad Celsius – bewölkt, aber trocken – unangenehm, nicht wirklich kalt, aber dennoch kalt

39. Kohlwanderung der Rotenburger Segelflieger.

“Der Winter naht“- heißt es so schön in dem Romanepos “Das Lied von Eis und Feuer“. An diesem Sonntag aber ist wenig davon zu spüren und am Samstag habe ich bereits die ersten Geschwader Wildgänse gen Osten fliegen sehen. Das Klima ist eben wieder mal am “Wandeln“. Der Winter macht nun erst einmal eine kleine Pause, aber ab Montag soll es doch tatsächlich unangenehm kalt werden.

Überpünktlich erreichen wir den Treffpunkt in Wehldorf, den weltberühmten Tanzpalast. Wie immer begrüßen wir die Kameraden und Freunde mit Handschlag, wie es sich gehört. Um Punkt 9:45 ertönt laut und unmissverständlich das Kommando: „Der Grünkohl ruft ! Auf geht’s, Kameraden!“ Und unverzüglich setzt sich der Schwarm aus über 50 Wanderern in Bewegung. Schon bald überqueren wir die Hauptstraße, Kurs 270°. Wir sind keine 20 Minuten unterwegs, da ist auch schon der erste Halt. Die kleinen Gläser werden fix hervorgeholt und mit bunten Säften gefüllt. Schnell geht es wieder weiter, aber die kleinen Gläschen werden noch des Öfteren mit den verschiedensten Flüssigkeiten gefüllt, so dass sich auch die Seele immer mehr erhellt.

Bald schon haben wir die ersten Häuser einer Ortschaft erreicht, aber noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft. Obgleich, was zum Glück keiner weiß, das eigentliche Ziel, der “Nartumer Hof“, nur knapp 200 Meter entfernt liegt. Dann aber taucht vor uns ein bekanntes Fahrzeug auf, angefüllt mit Leckereien und heißen Getränken, die „Station“. Sogleich greife ich mir, wie viele Fliegerkameraden, einen Becher und fülle ihn mit würzigem Glühwein, denn aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre wissen ja die Teilnehmer dieser Expedition, Anjas Glühwein ist einfach spitze.
 
Ich bin noch mit ein paar Mettenden beschäftigt, fahre aber zwischendurch ruhig auch mal einen schwarzen Negerkuss ein (eine echt geniale Mischung). Zwischendurch fülle ich meinen Becher noch einmal mit duftendem Glühwein, den auch schon die alten Griechen kannten. Nach annähernd 30 Minuten Pause rufe ich dann mit lauter Stimme: “Der Grünkohl wartet, wir ziehen weiter“! Willig setzt sich die Meute wieder in Bewegung. Mit schnellen Schritten geht es voran.
 
Ganz am äußersten Rand der kleinen Ortschaft Nartum steht das Haus der Familie “Kempowski“. Diesen Schriftsteller habe ich einmal sehr verehrt und die Filme nach seinen Romanen waren auch gut gemacht. Eines Tages war ich bei einer Lesung seines neuen Werkes anwesend und hatte auch eines seiner Bücher zum Signieren dabei. Es war jedoch nur ein Taschenbuch und keine teure Originalausgabe. Der große Schriftsteller Walter Kempowski verweigerte mir ein Autogramm mit der Begründung, er würde an Taschenbuchausgaben nichts verdienen. Die “Stiftung Kempowski“ habe ich noch nie besucht. Aber meine liebe Nany und ein paar andere Mitwanderer haben zu dieser Stunde ein ganz bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen, dringen in das geöffnete Gebäude ein, bestaunen die gewaltige Bibliothek und genießen die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Der Schwarm jedoch nimmt keinerlei Notiz von den Abweichlern und zieht schnellen Schrittes weiter. Wie die Gruppe um Nany dann doch noch rechtzeitig zum Zielgasthof fand, wird mir trotz ihres Erlebnisberichtes immer ein Rätsel bleiben. Aber Nany hat eben einen unglaublichen Orientierungssinn.

Nach annähernd 2 Kilometern erreichen wir ein Waldgebiet. 50 Meter voraus marschiert Udo schnellen Schrittes, von gut einem Dutzend Hungriger begleitet. Plötzlich begibt sich diese Bande in Lebensgefahr. Sie verlassen den sicheren Weg, links ab in den dichten Wald. Zuerst kommt mir der Gedanke, sie wollen nur “wasserlassen“, aber sie dringen immer weiter in das von “Grauen Wölfen“ regierte, unzugängliche und moorige Gebiet ein. Später habe ich dann erfahren, dass Udo befürchtete, nicht rechtzeitig den Grünkohlschmaus zu erreichen und wählte somit eine riskante Abkürzung, die letztendlich nur wenige Minuten einbrachte. Die von mir geführte Gruppe kann ich mit wenigen Worten davon überzeugen, dass es unsportlich ist, die Wanderstrecke zu verkürzen. Denn der Weg ist das Ziel!
Der Grünkohl ist fast erreicht, der Gasthof in Sicht. Plötzlich habe ich das Gefühl, den geliebten Kohl, das wertvolle Wintergemüse mit seinen vielen Vitaminen bereits riechen zu können. Grünkohl (bot. Brassica oleracea) war bereits in der Antike bekannt und wird liebevoll auch als „Oldenburger Palme“ bezeichnet. In anderen Regionen heißt er schlicht und einfach Braun-, Pflück-, Kraus-, oder Winterkohl. Es gibt sogar roten Grünkohl, das bringt dann Farbe auf den Teller, schmeckt aber genauso wie der grüne. “Red Boor“ (Roter Bauer) heißt die Sorte, eine Kreuzung von normalem Grünkohl und Futterkohl. Die um Bremen herum übliche Bezeichnung „Braunkohl“ ist auf früher angebaute Sorten zurückzuführen, die sich während des Kochens bräunlich verfärbten. Grünkohl hat einen süßlich-herben Geschmack, der sich noch verstärkt, wenn die Pflanze etwas Frost abbekommen hat. Diese Geschmacksverfeinerung entsteht dadurch, dass im Kohl enthaltene Stärke in Zucker umgewandelt wird. Grünkohl ist zwar der Hauptdarsteller auf dem Teller, doch dazu gehört als Wurst unbedingt die sogenannte „Pinkel“. Hinter dieser im Zusammenhang mit gutem Essen etwas befremdlich klingenden Bezeichnung verbirgt sich eine Wurst, welche aus Fett, Gewürzen und Grütze (gebrochene Getreidekörner) besteht. Das genaue Rezept allerdings bleibt immer ein großes Geheimnis, das jeder Fleischer wie seinen Augapfel hütet.
 
Kaum haben wir an den langen Tischen Platz genommen, da nehmen die netten Kellnerinnen auch schon unsere Getränkewünsche entgegen. Nany und Perry bestellen natürlich, wie es sich zum leckeren Grünkohlgericht gehört ein helles Pils, ein “Großes“ natürlich. Es dauert nicht mehr lange, dann werden auch schon die Platten mit Grünkohl, Fleisch, Wurst und Kartoffeln serviert. So ein Grünkohlessen ist einfach ein göttlicher Genuss.

Grünkohl, ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet, hat einen extrem hohen Vitamin C- und ß-Carotin-Gehalt. Nur in den Möhren ist noch mehr ß-Carotin enthalten. Roher Grünkohl enthält bei gleicher Menge doppelt so viel Vitamin C wie eine rohe geschälte Zitrone. Leider ist das Vitamin C auch die Mimose unter den Vitaminen. Warme Lagerung und langes Garen lassen die Gehalte drastisch purzeln. Bei den Mineralstoffen sind die Calcium- und Eisengehalte beachtenswert. Ein weiteres Plus ist der hohe Ballaststoffanteil. Er bringt die Verdauung in Schwung. Neuere Forschungsergebnisse lassen immer deutlicher werden, dass eine ganze Reihe von sekundären Pflanzenstoffen im Grünkohl gesundheitsfördernde Effekte hervorrufen und sogar zur Verminderung des Krebsrisikos beitragen. Damit allerdings möglichst wenig von den Inhaltsstoffen beim Garen verloren geht, sollte man den Grünkohl am besten nur dämpfen oder dünsten. Auf jeden Fall sollte er noch „Biss“ haben. Unter diesen Bedingungen darf es dann auch mal ruhig zwei oder dreimal Nachschlag geben.
 
Das Essen ist hervorragend gewesen und hat allen 68 Teilnehmern dieser Wanderung köstlich geschmeckt. Besonders die Pinkelwurst ist immer wieder ein Hochgenuss. 60 Portionen Grünkohl wurden verzehrt, nicht jeder mag das Norddeutsche Wintergericht. Die Geschmäcker sind eben verschieden. Aber die Stimmung ist gut und wird mit jedem Bier besser. Man schnackt hier, man schnackt da und merkt gar nicht wie die Zeit vergeht. So gegen 15:30 Uhr fahren die meisten nach Hause oder werden abgeholt. Auch Thomas und Luisella aus der Hansestadt Hamburg wollen im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein.
Langsam wird es dunkel. Ein schöner Tag neigt sich seinem Ende entgegen!
Lieber Udo, vielen Dank für die hervorragende Organisation. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, dich bei der Planung unterstützen zu dürfen.

Denkt bitte alle auch an das nächste kulinarische Großereignis. Es wird übernatürlich lecker. Am Freitag den 19. Mai findet um 19:00 Uhr im Restaurant Waldhof in Unterstedt das 5. Traditionelle SPARGELESSEN statt.

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VfL-Rotenburg (Wümme) e.V.
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aktualisiert am 18.02.2017