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Text: Hans-Joachim Neupert (Perry)
KOHLWANDERUNG 2019
Sonntag, 10. Februar 2019 - letzter Tag der 6. KW
67 Erwachsene und 4 Kinder - 51 Wanderer von 71 Teilnehmern - Strecke: 9,5 km
Temperatur um 09:00 Uhr - 9 Grad Celsius – im Tagesverlauf gleichbleibend – Wolken, Regen und Sturm satt! - Irgendwie germanisch norddeutsch!
Was für ein Tag! Die Götter stellen uns auf eine harte Probe!

41. Kohlwanderung der Rotenburger Segelflieger

Sehr früh wache ich an diesem Morgen auf. Es ist stockfinster. Ich schaue auf die Uhr. Erst drei Uhr morgens. Mein rechter Fuß ist immer noch leicht geschwollen und schmerzt fürchterlich. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag habe ich mir den großen rechten Zeh gestaucht und der Fuß hat sich entzündet, ist angeschwollen und an festes Schuhzeug ist nicht zu denken. Kein guter Zeitpunkt für eine Verletzung, aber aufgeben?!? Grünkohl ohne Wanderung entspricht nicht meiner inneren Einstellung. Ich probiere es mit einem alten paar Sommerschuhe, ausgelatscht und der rechte Schuh ist am linken Rand circa fünf Zentimeter eingerissen, das passt. Nur größere Wasserpfützen muss ich meiden.

Der Winter war in diesem Jahr besonders extrem, zumindest in einigen Teilen Süddeutschlands und Nordamerikas. Aber nur bei uns im Norden wollte es so gar nicht richtig winterlich werden, anders als vor 40 Jahren. Scheinbar wandelt das Klima doch! Mal sehen wie es nächstes Jahr wird.

Pünktlich um 09:00 Uhr klopfen unsere Freunde aus Hamburg an unsere Haustür. Wir trinken noch schnell eine Tasse duftenden Kaffee. Mein Zeitmessgerät zeigt mir schon bald 9:30 Uhr an, jetzt müssen wir sehen, dass wir pünktlich den Treffpunkt erreichen. Nach sieben Minuten sind wir am Ziel. Am Schützenplatz in der Ahe tummeln sich bereits mehr Menschen als im August zum Schützenfest. Kaum haben wir uns bei Udo angemeldet, ertönt auch schon laut und unmissverständlich das Kommando: „Der Grünkohl ruft! Auf geht’s, Kameraden!“

Unverzüglich setzt sich die Regenschirmparade, bestehend aus 56 Wanderern, einem Vierbeiner sowie Lena und Jonna in der Kinderkutsche, in Bewegung, Kurs 270°, immer nach Westen. Wir sind keine 20 Minuten unterwegs, da ist auch schon der erste Halt. Kleine Gläser werden fix hervorgeholt und mit bunten Säften gefüllt. Schnell geht es wieder weiter, aber die kleinen Gefäße werden noch des Öfteren mit den verschiedensten Flüssigkeiten gefüllt, und bald breitet sich ein wohliges Gefühl im Körper und Geist aus. Auch die Schmerzen in meinem rechten Fuß verlieren immer mehr an Bedeutung und auch gegen die Kälte und den Regen habe ich vorgebeugt und mich entsprechend präpariert. Ist alles nur eine Frage der Intelligenz!

Kohltouren finden ja bekanntlich immer zu einer Jahreszeit statt, in der die coole Lederjacke den kälteren Temperaturen nicht mehr standhält. Die Damen und Herren der Schöpfung sind also gezwungen wieder die Wintermäntel heraus zu kramen, um Schnee und Eis zu trotzen. Wie aber sieht der perfekte Wintermantel aus? Nach dem 1. Weltkrieg lautete das oberste Gebot der Mode, schick und praktisch muss es sein. Bei den Wintermänteln dominierten Dreiviertelärmel, zu denen lange, oft lederne Handschuhe kombiniert wurden. In den 30er und 40er Jahren änderten sich die Schnitte und Stoffe der Wintermäntel drastisch und es gab gewaltige Unterschiede zwischen der Mode der Amerikaner und der des Großdeutschen Reiches. Eine Mode zwischen den Fronten quasi. Besonders in Europa waren die 40er Jahre, modisch gesehen recht farblos und eher praktisch orientiert. Stoffmangel und Stoffrationierungen schränkten die Möglichkeiten der Designer stark ein. Not aber macht erfinderisch und so wurden die Mäntel eben etwas kürzer. Der Kurzmantel war geboren. Um den femininen Touch zu gewährleisten, wurde oft mit einem Gürtel gearbeitet, um die Taille zu betonen.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Mode wieder weiblicher, die Frauen wollten adrett und feminin aussehen. In den 50er Jahren blühten die Modemacher auf, man feierte den wirtschaftlichen Aufschwung und das Leben. Für die Mäntel wurden gerne Kaschmir, Wolle oder Tweed verarbeitet, aber auch Pelzmäntel und Pelzdetails waren beliebt. In den 60er Jahren wurde es wild. Die Muster und Schnitte änderten sich wieder, die Säume wanderten unaufhaltsam nach oben und den taillenbetonten Sanduhrschnitten wurde von der Jugend dieser Dekade bestenfalls noch ein müdes Lächeln geschenkt. Was Farben und Muster betraf, waren modisch kaum Grenzen gesetzt. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass jede Dekade ihre eigenen Vorstellungen von Schönheit und adretter Kleidung hatte. Wir haben heutzutage das Glück, uns von diesen Zeiten inspirieren lassen zu können und je nach Stimmung unterschiedliche Einflüsse in unsere Outfits einzubauen.

Bald schon erblicken wir am Horizont die ersten Häuser einer Ortschaft, haben aber noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft. Noch ein paar Gehminuten und wir erreichen ein uns wohlbekanntes Fahrzeug, angefüllt mit Leckereien und heißen Getränken, die „Station“. Sogleich greife ich mir, wie viele Fliegerkameraden, einen Becher und fülle ihn mit würzigem Glühwein, denn aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre wissen ja die Teilnehmer dieser Expedition, Anjas Glühwein ist einfach spitze. Ich bin noch mit ein paar Mettenden beschäftigt, fahre aber zwischendurch ruhig auch mal einen schwarzen Negerkuss ein (eine echt geniale Mischung). Zwischendurch fülle ich meinen Becher noch einmal mit duftendem Glühwein. Nach annähernd 30 Minuten Pause geht es mit schnellen Schritten wieder voran, dem Ziel entgegen, das da heißt“: Grünkohl mit Pinkel“

Grünkohl (bot. Brassica oleracea) war bereits in der Antike bekannt und ist der absolute Superstar unter den Kohlsorten, weil er so viel Vitamin C und krebsvorbeugende Stoffe enthält. Im grünen Kohl stecken etliche Substanzen, die die Zellen schützen, sich positiv auf Herz und Kreislauf auswirken und den Cholesterinspiegel senken können. In der Küche der alten Römer zählte der Grünkohl besonders viel. Wer im römischen Reich über große Mengen Kohl verfügen konnte, galt als reicher Mann. In Oldenburg bekamen laut einer Verordnung aus dem Jahr 1741 die Bewohner des Armenhauses dreimal die Woche Kohl: sonntags, dienstags und donnerstags. Die Ostfriesen lieben eben ihren Kohl ganz besonders, aber auch die Braunschweiger, die Münsterländer, die Hamburger und natürlich die Bremer.
Die Bremer haben aus ihrem Kohl ein Nationalgericht gemacht, eine vaterländische Angelegenheit. Bremische Originalität unter den norddeutschen Kohlvölkern drückt sich auch darin aus, dass die Bremer den Kohl, der fast überall sonst Grünkohl heißt, als Braunkohl bezeichnen. Das wird zurückgeführt auf den alten und beinahe ausgestorbenen Langkohl, der in der Tat bräunlich und überdies so ergiebig war, dass ihn sich der Bremer mit dem Vieh teilen konnte, wobei er sich selbst die zarten Triebe gönnte. Damit allerdings möglichst wenig von den Inhaltsstoffen beim Garen verloren geht, sollte man den Grünkohl am besten nur dämpfen oder dünsten. Auf jeden Fall sollte er noch „Biss“ haben. Unter diesen Bedingungen darf es dann auch mal ruhig zwei oder dreimal Nachschlag geben.


Zum Kohl gehört untrennbar die Pinkelwurst. Diese von Nicht-Norddeutschen häufig als genierlich empfundene Spezialität hat natürlich überhaupt nichts unanständiges an sich. Pinkel besteht aus reichlich Speck und Zwiebeln, aus Flomen, Hafergrütze, Piment, Pfeffer und Salz und wird in den Mastdarm des Rindes gestopft, der auch Pinkeldarm genannt wird. Daher leitet sich der Name ab. Unverzichtbar gehören zu einem Kohl-und-Pinkel-Essen auch Kasseler-Rippe, Kochwurst und frischer Bauchspeck. Außer dem Fleisch gehören natürlich Kartoffeln zu Kohl und Pinkel. Leidenschaftliche Kartoffelesser pflegen sich zum Kohl Brat- und Salzkartoffeln, wohlgemerkt: und NICHT oder.

Es dauert gar nicht lange, da haben wir auch schon das schöne Dörfchen Waffensen durchquert und sind sogar an einem schicken Restaurant vorbeigekommen. Hier ist es, so haben viele unserer Mitwanderer gehofft, aber weit gefehlt!!! Noch gute fünf Kilometer fehlen bis zum Ziel. Am Dorfende biegen wir dann hart noch Backbord ab und nun immer geradeaus. „Soweit die Füße tragen“ (Wer hat den Roman gelesen? Wer kennt noch die alte Fernsehserie von 1959?) Kilometer um Kilometer wandern wir nun parallel entlang der „Napoleonischen Straße“, die heute B 75 heißt, durch ein von „Grauen Wölfen“ regiertes Gebiet.

Der Grünkohl ist fast erreicht, das Gasthaus, das Dorfgemeinschaftshaus in Hassendorf, die „Pizzeria Italia“ in Sicht. Was für eine Überraschung. Ich bin sicher, damit hat wohl keiner gerechnet!!! Plötzlich habe ich das Gefühl, den geliebten Kohl, das wertvolle Wintergemüse mit seinen vielen Vitaminen bereits riechen zu können. Kaum haben wir an den langen Tischen Platz genommen, da nehmen die netten Kellnerinnen auch schon unsere Getränkewünsche entgegen. Nany und Perry bestellen natürlich, wie es sich zum leckeren Grünkohlgericht gehört ein helles Pils, ein “Großes“ natürlich.

Es dauert nicht mehr lange, dann wird auch schon das Buffet mit Grünkohl, Fleisch, Wurst und Kartoffeln aufgebaut. So ein Grünkohlessen ist einfach ein göttlicher Genuss und bald bildet sich eine lange Schlange an der Essenausgabe. Aber keiner muss lange anstehen. Alles ist sehr gut organisiert!!!. Das Essen ist jedenfalls hervorragend. Alle Teilnehmer dieser Wasserwanderung sind begeistert. Besonders die Pinkelwurst ist immer wieder ein Hochgenuss. Allerdings haben einige Kohlfeinschmecker die gezuckerten Bratkartoffeln vermisst (hatten wir auch gar nicht bestellt!!!), aber der Vitamingehalt im Grünkohl war sehr hoch, da der Kohl nicht zu einem Brei verkocht war. 63 Portionen Grünkohl wurden verzehrt, nicht jeder mag das norddeutsche Wintergericht. Die Geschmäcker sind eben verschieden. Auch Benni, der Vierbeiner darf mitessen und bekommt Kassler mit Kartoffeln serviert. Da jubiliert die Hundeseele!

Die Stimmung ist gut und wird mit jedem Bier besser. Man schnackt hier, man schnackt da und merkt gar nicht wie die Zeit vergeht. So gegen 15:30 Uhr fahren die meisten nach Hause oder werden abgeholt. Als ich das Lokal verlasse höre ich am Himmel über mir seltsame Geräusche. Ich schaue nach oben und erblicke zu meiner angenehmen Überraschung ein Geschwader Zugvögel in V-Formation, Kurs Ost! Der Winter ist vorbei! Der Frühling steht vor der Tür!

Lieber Udo, vielen Dank für die hervorragende Organisation. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, dich bei der Planung unterstützen zu dürfen. Mein Dank gilt auch Brigitte und Heiner für die hilfreichen Informationen über die Historie des Grünkohls.

Denkt bitte alle auch an das nächste kulinarische Großereignis. Es wird übernatürlich lecker. Am Freitag den 07. Juni findet um 19:00 Uhr im Restaurant Waldhof in Unterstedt das 7. Traditionelle SPARGELESSEN statt.

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VfL-Rotenburg (Wümme) e.V.
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aktualisiert am 13.02.2019