Presseberichte
Seite ausdrucken

Februar/März 2016

Luftsport

Historisches: Champagner in Brockel oder Brackel

 
Wo bist Du gelandet? In Brockel, Brackel, Bockel oder Borstel oder? Das war eine Nachfrage meiner Rückholmannschaft vor vielen Jahren bei den Segelflugmeisterschaften in der GPS-losen Zeit, als ich wiederum auf dem Acker lag, und sie mich nicht finden konnte. Für Einheimische aus dem Landkreis kein Problem, ich jedoch kriege diese „Locations“ heute noch durcheinander. Als ich kürzlich eine Geschichte unserer frühesten Flugpioniere aufdeckte, wurde ich daran wieder erinnert, und stellte dabei fest, daß die Vorfahren genauso streckenfluggeil gewesen sind wie wir. Schon um 1910 war in Frankreich ein fliegerischer Wettkampf ausgebrochen, bei dem die Aviatiker ständig versuchten, die Flugstrecken weiter zu treiben und sich gegenseitig zu überbieten. Französische Konstrukteure, Herstellerfirmen und Motorenwerke standen im heftigen Wettbewerb und lobten Siegerpreise aus. Es gab den Preis der „Daily Mail“, den „Gordon Bennet“ Preis, den „Michelin Cup“, den „Coup Pommery“ und andere. Als die Champagnerfirma Pommery 1910 den Preis von 200.000 Francs aussetzte für den weitesten Flug eines Piloten in gerader Linie gemessen, ging die Streckenjagd richtig los. Zwischenstops waren erlaubt, aber vor Sonnenuntergang mußte der Flug beendet sein. Es lohnte sich, denn im Wert entsprach das etwa 2 Millionen Euro heute. Jährlich verteilt über 5 Jahre ging der entsprechende Anteil an den jeweiligen Sieger aber nur dann, wenn er dabei die Siegerdistanz des Vorjahres überbieten konnte. Unter solchen Verlockungen gelangen den französischen Piloten der frühen Jahre erstaunliche Leistungen, zu einer Zeit, als Aviateure in Bremen und Hamburg sich gerade mal in kurzen Platzrunden versuchten. 1911 siegte Védrines mit 400 Kilometern, 1912 schaffte Daucourt 852 km, und 1913 erwartete man, daß die 1000 km-Marke fallen würde. Die meisten Teilnehmer flogen jetzt mit dem Besten, was es damals gab, dem luftgekühlten Rotationsmotor von „Gnome“. Auch vom Bautyp ging man endgültig über zum Monoplan, also zum Eindecker. Die Namen Morane-Saulnier, Clément-Bayard, Borel, Farman, Hanriot, Deperdussin, Bleriot kennt man heute noch. Los ging`s 1913 am 29. April mit einem Flug von Marcel Brindejonc de Moulinais, einem 22jährigen Bretonen, über 525 Kilometern bis Rheine-Bentlage. Ein Auftakt, der den jungen Piloten wenig zufrieden stellte. Er erweiterte seinen Rückflug über Bremen am 1. Mai mit einer Zwischenlandung auf dem jungen Bremer Flugplatz und in weiteren Etappen nach London und zurück nach Paris. Am 10. Juni hat Brindejonc dann einen neuen Versuch im „Coup Pommery“ gestartet und richtig zugeschlagen. Mit Start in Villacoublay (Paris) um 3:57 Uhr erreicht er um 17:15 Uhr Warschau nach zwei Landungen unterwegs zum Betanken- -1382,5 Kilometer. War das der Sieg 1913 im Coup Pommery? Der Franzose hatte die Unterstützung einer starken Westdrift genutzt.

Aber der Wettkampf ging weiter. Zittern mußte Bindejonc um seine Führung, als am 10. August Augustin Séguin, der Bruder des Konstrukteurs des Rotations-Motors „Gnom“, mit langem Anlauf von Biaritz aus an den Start ging. Nach Zwischenlandungen erreichte er bei Sunset Bremen—1350 km. Das reichte nicht. Beim Bremer Verein für Luftfahrt registrierte man an jenem Tag einen schlecht gelaunten Séguin nach der Landung. Die Bremer waren der Meinung, der Franzose sei wegen der unzureichenden Halleneinrichtungen auf Bremens Stützpunkt „Neuenlander Feld“ so verstimmt.


Nein, Séguin war sauer, weil ihm zehntausende Francs entgangen waren. Aber die Konkurrenz ging weiter! Der Rekord Brindejoncs wurde übertroffen. Am 25. August startete sein Landsmann Maurice Guillaux, wiederum von Biarritz aus und landete nach 1386 km in Brackel. Guillaux flog für den Flugzeugbauer Clément-Bayard mit einem Cléget-Motor von 60 PS. War der Cléget-Motor der bessere? Brindejoncs Leute in Paris waren überrascht und zugleich skeptisch. Wie konnte dieser Motor dem 80 PS „Gnome“ überlegen sein? Sie erhoben Einspruch beim Präsidenten der Ligue Nationale Aérienne. Man schrieb einen Brief nach Brackel an den „Bourgméstre Monsieur Peters“. Peters Antwort: „Ich habe die Ehre Ihnen den Eingang Ihres geschätzten Briefes anzuzeigen und Sie zu informieren, dass der Aviateur Guillaux nicht in der Gemeinde Brackel (Provinz Lüneburg) gelandet ist. Aber ich habe die Mitteilung über unsere Zeitungen bekommen, dass ein französischer Flieger runtergegangen ist in Brockel bei Rotenburg - Peters- Bürgermeister.“ Selbiges bestätigte auch der Bürgermeister von Brockel und daß der Landeort die Wiese von Heitmanns sei. Am 29. September 1913 entschied die französische Luftfahrt-Verband: „Die Angelegenheit ist geklärt. Der Pilot Guillaux ist 40 km diesseits von dem Landepunkt seiner vorherigen Angabe gelandet. Der Coup Pommery gehört endgültig Brindejonc de Moulinais.“ Der oberste Flugsportverband sperrte Maurice Gouillaux für 10 Jahre für alle vergleichbaren Konkurrenzen. Der „Coup Pommery“ sollte danach nie mehr stattfinden.

Wolfgang Schulze
Brindejonc startet zum Rückflug von Bremen am 2. Mai 1913 über Brüssel und London nach Paris.
Marcel Brindejonc am 1. Mai 1913 vor der Halle des Bremer Verein für Luftfahrt im Neuenlander Feld.
Maurice Guillaux und der Eindecker mit dem er am 25. August um den Champagner-Cup kämpfte.

Presseberichte

Seite ausdrucken


VfL-Rotenburg (Wümme) e.V.
aktualisiert am 13.02.2016