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September 2017

ROTENBURG EXTRA (Rotenburger Kreiszeitung)

Mit dem Segelflugzeug über Rotenburg

 

Das Startsignal wird gegeben. Das Seil strafft sich. Wir werden in die Sitze gedrückt, und wenig später sind wir schon in der Luft. Das Segelflugzeug löst sich vom Windenseil, Aufwinde lassen uns an Höhe gewinnen.

Mir ist ein wenig mulmig zu Mute. Ich bin froh, dass der Start so problemlos über die Bühne ging. Mit Michael Köhler als Pilot muss ich mir aber keine Sorgen machen. Er fliegt selbst seit 25 Jahren und bildet Flugschüler aus. Wir gleiten über den Rotenburger Flugplatz, die Kaserne, die Wälder und Felder. Alles ist genau zu erkennen. Es ist ein schöner Tag zum Fliegen, klare Luft und etwas Wind. Die Wolken zeigen meinem Piloten an, wo wir die Aufwinde nutzen können. Warme Luft steigt auf und kondensiert in der kälteren Luft, das weiß ich noch aus der Schule. Bei guter Thermik gleitet das Flugzeug von Aufwind zu Aufwind und kann so Strecke machen. Geübte Piloten können sieben bis acht Stunden in der Luft bleiben.

Manchmal legt sich die Maschine in die Seite, wenn Michael Köhler Kreise zieht oder wir mit einem kleinen Hopser weiter nach oben gezogen werden. Ungewohnt ist das für meinen Magen, aber das Glücksgefühl überwiegt. Ehe ich mich versehe, kommt Scheeßel ins Blickfeld. Und da das Ronululu, der Funkturm, der Weicheisee. Rechts unterhalb von uns taucht ein weiterer Segelflieger auf.

Vom Rotenburger Flugplatz starten jährlich 1.000 bis 1.500 Flieger an der Seilwinde. Dabei handelt es sich um ein umgebautes Fahrzeug mit Lkw-Motor, der zwei Trommeln antreibt. Je eine Trommel holt eines der Windenseile ein. Sie ziehen das Flugzeug in eine Höhe von 400 bis 600 Metern. Zwei Starts direkt nacheinander sind so möglich. Das Prinzip ist das gleiche wie beim Drachensteigen. Für den reibungslosen Ablauf der Windenstarts sorgt der Startleiter. Per Kabeltelefon ist er mit der Seilwinde verbunden und gibt das Signal. An meinem Flugtag hat Hans-Joachim Neupert, genannte Perry, das Kommando.

Zusammenarbeit mit dem Verdener Luftsport-Verein

Den Verein für Luftsport in Rotenburg gibt es seit 1952. Man entschloss sich direkt für eine Zusammenarbeit mit dem Verdener Luftsport-Verein. Die Verdener hatten ein Flugzeug, die Rotenburger bauten die Seilwinde. Später beschaffte sich der Verein ein eigenes Flugzeug. Geflogen wurde anfangs im Weißen Moor. Weil ein eigener Flugplatz mit zu viel Arbeit verbunden war, zog der Verein auf den Rotenburger Flughafen um. Die älteste Flugzeughalle steht seit 1965, nach und nach kamen Anbauten, Hallen, Werkstatt und Hangare für weitere Flugzeuge dazu. Gewartet werden die Segler von den Vereinsmitgliedern selbst. „Bis auf den Neubau können wir alles selbst machen", verrät Christian Rinn, erster Geschäftsführer des Vereins. Alle 3.000 Flugstunden müssen die älteren Modelle in einem speziellen Betrieb überprüft werden, bei neueren Flugzeugen genügt eine Inspektion alle 6.000 Flugstunden.
Heute besitzt der Verein zwei Doppelsitzer und drei Einsitzer, daneben stehen noch diverse private Flugzeuge auf dem Gelände. Je moderner die Flugzeuge sind, umso mehr Elektronik steckt in ihnen. Nur die Grundgeräte - Höhenmesser, Fahrtmesser und Variometer - sind nach wie vor mechanisch.

Zur Sicherheit tragen Piloten und Fluggäste immer einen Rettungsfallschirm. In der Geschichte des Vereins war es aber noch nie nötig, mit dem Fallschirm auszusteigen, beruhigt Rinn. „Beim Segeln verhält es sich genauso wie bei vielem anderen: Wenn man sich an die Regeln hält, ist es unwahrscheinlich, dass etwas passiert."

Zwischen 14 und 79 Jahre alt sind die Mitglieder des Luftsportvereins, unter ihnen ausgebildete Motorsegelwarte, Werkstattleiter und Fluglehrer. Auch Frauen gibt es im Verein. Die Prüfung zum Segelflugschein können Jugendliche ab 14 Jahren machen. Die Prüfung für den Flugschein setzt sich aus einer Fächerpalette von Meterologie, Navigation und Luftrecht bis hin zu menschlichem Leistungsvermögen zusammen. Außerdem benötigt man zum Fliegen das europaweit gültige Funksprechzeugnis. Auf der praktischen Seite sind in der Regel 30 Flugstunden und zwischen 40 und 60 Schulstarts notwendig, bis ein Alleinflug möglich ist. Vor der Prüfung wird der Alleinflug immer mit Flugauftrag geflogen. Das heißt, der Fluglehrer am Boden gibt vor, was geflogen werden soll. Der Erwerb des Flugscheins macht den Weg frei für neue Herausforderungen.

Im Segelflug unterscheidet man zwischen Kunstflug und Streckenflug. Neben der Teilnahme an zentralen Wettbewerben können Segelflieger auch am dezentralen Wettbewerb teilnehmen und geflogene Kilometer in einem Portal hochladen. Eine Art Black Box an Bord verhindert das Schummeln. Je mehr Übung man hat, umso mehr Kilometer kommen zustande. Später ist sogar die Deutsche Meisterschaft möglich.

Wir sind zurück über dem Flughafengelände. Das Fahrwerk wird ausgefahren, und wenig später hat uns der Boden wieder. Es war ein tolles Erlebnis. Und was hilft gegen das Magengrummeln? Wieder fliegen und selbst fliegen lernen!
// me

Weitere Informationen www.vfl-rotenburg.de

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aktualisiert am 06.10.2017